A.T. Kearney: Nur Mut! Wie familienfreundliche Unternehmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen
Wie ist es um die Familienfreundlichkeit in deutschen Unternehmen bestellt? Dieser Frage geht die aktuelle Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney nach. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass je besser das Thema Familienfreundlichkeit im Unternehmen gelebt wird, desto zufriedener die Mitarbeiter sind, und - als direkte Folge hieraus - umso größer die Bindung der Mitarbeiter an das eigene Unternehmen ist. Letzteres ist – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – ein Wettbewerbsvorteil, den – so die Studie – noch zu wenige deutsche Firmen ernst nehmen.
Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Jahren für Unternehmen so sehr an Bedeutung gewonnen, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Incentives, wie ein hohes Gehalt oder ein repräsentativer Firmenwagen, verlieren für die neue Generation von Arbeitnehmern immer mehr an Bedeutung. An deren Stelle treten stattdessen Faktoren wie Zeit und Selbstbestimmung. Als Oberbegriff für dieses neue Phänomen hat sich die Bezeichnung „Generation Y“ durchgesetzt. Unternehmen, so das Ergebnis der Studie von A.T. Kearney, sind jedoch noch nicht auf diesen neuen Typ von Arbeitnehmern vorbereitet.
Die Unternehmensberatung A.T. Kearney verfolgt diesen Trend mit ihrer Initiative „361 – Die Welt unserer Kinder” seit dem Jahr 2011. Gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) wurde eine repräsentative Befragung von Arbeitnehmer/-innen zu den Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrem Unternehmen durchgeführt. In der Online-Umfrage im Herbst 2013 haben 1.771 Beschäftigte im Alter von 25 bis 55 Jahren ausführlich Stellung zu diesem Thema genommen. Das Ziel der Initiatoren war es – fernab von Hochglanzprospekten – zu ergründen, wie es in deutschen Unternehmen um das Thema Familienfreundlichkeit bestellt ist. Die Ergebnisse wurden im Mai dieses Jahres unter dem Titel „Nur Mut! Wie familienfreundliche Unternehmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen“ vorgestellt.
Laut der Studie nehmen Deutschlands Unternehmen ihre Rolle bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch nicht ernst genug. Dort herrscht Stagnation statt Fortschritt: Nur acht Prozent aller Arbeitnehmer/-innen gaben bei der Befragung an, dass sich die Familienfreundlichkeit im vergangenen Jahr verbessert hat. Hieraus folgt, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer/-innen Familienfreundlichkeit noch nicht als Selbstverständlichkeit wahrnimmt.
Familienfreundliche Angebote fehlen
Die Studie kommt ferner zu dem Ergebnis, dass Arbeitnehmern/-innen bestimmte familienfreundliche Angebote besonders wichtig sind: Frauen wünschen sich insbesondere Notfallbetreuung für Kinder (51 Prozent), Kinderferienbetreuung (45 Prozent), Langzeitkonten (33 Prozent), Auszeit- und Sonderurlaubsregelungen (33 Prozent) sowie Weiterbildungsprogramme für Mitarbeiter/-innen in Elternzeit (28 Prozent). Männer äußerten, neben den deckungsgleichen Wünschen zu ihren weiblichen Kollegen, den Wunsch nach flexiblen Tages- und Wochenendarbeitszeiten (33 Prozent) und die Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit (20 Prozent). Allerdings sieht die Realität in den Unternehmen anders aus: Die als notwendig erachteten Angebote werden häufig noch nicht angeboten und die tatsächlich angebotenen Leistungen orientieren sich noch zu wenig an den eigentlichen Bedürfnissen.
Der Befund lässt sich aber nicht pauschalisieren: Große Unternehmen mit über 5000 Mitarbeitern schneiden z. B. bei Betreuungsangeboten für Kinder erheblich besser ab als kleine und mittlere Unternehmen. Kleine Unternehmen (bis 10 Mitarbeiter) hingegen können beim Thema Zeitflexibilität (Teilzeit, Auszeiten, Homeoffice, flexible Arbeitszeiten) punkten. Insgesamt wird von den Befragten die schlechte Informationspolitik über das Thema Familienfreundlichkeit in den Unternehmen bemängelt. Nur 11 Prozent gaben an, dass sie regelmäßig über die Angebote von ihrem Arbeitgeber informiert werden.
Problem Unternehmenskultur
Als eines der Hauptprobleme identifizierten die Studienautoren die fehlende Familienfreundlichkeit in der Unternehmenskultur. Dies zeigt sich insbesondere an der weit verbreiteten Wahrnehmung von Präsenzpflichten. So gaben bei der Befragung 7 von 10 Arbeitnehmern/-innen an, dass ihr Arbeitgeber sehr viel Wert auf die persönliche Anwesenheit der Mitarbeiter legt. Ein weiteres Manko ist die fehlende Vorbildfunktion von Führungskräften. Nur acht Prozent, die in ihren Führungskräften beim Thema Vereinbarkeit keine Vorbildfunktion sehen, empfinden die Kultur als familienfreundlich. Agieren Führungskräfte hingegen wahrnehmbar als Vorbilder, steigt der Anteil auf 61 Prozent. Zudem gaben die Befragten an, dass ihr Unternehmen zwar Wert auf ein familienfreundliches Image legt, aber nur in wenigen Fällen ist es bereits gelungen, Familienfreundlichkeit in der Unternehmenskultur zu verankern.
Familienfreundlichkeit zahlt sich aus
Dass es sich lohnt, in Familienfreundlichkeit zu investieren, zeigen folgende Zahlen: Von denjenigen Arbeitsnehmer/-innen, die Vereinbarkeit in ihrem Unternehmen als Selbstverständlichkeit empfinden, sind 81 Prozent zufrieden mit ihrer Arbeitssituation, fühlen sich 71 Prozent ihren Arbeitgeber sehr verbunden und wollen 83 Prozent in den kommenden Jahren ihren Arbeitgeber nicht wechseln. Hieraus schlussfolgern die Autoren der Studie, dass die Unternehmen mit einem familienfreundlichen Umfeld besser gerüstet sind, Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden.
Die Quintessenz der Studie fasst Martin Sonnenschein, Managing Director Central Europe von A.T. Kearney, folgendermaßen zusammen:
„Wir brauchen einen kulturellen Wandel in den Unternehmen. Es muss für Mütter und Väter möglich sein, familienbedingte Auszeiten zu nehmen oder auch eine Zeit lang die Arbeitszeit zu reduzieren, ohne dass sie dadurch berufliche Nachteile befürchten müssen. Führungskräfte sind der Schlüssel zu einer familienfreundlichen Kultur. Führungskräfte müssen viel stärker als bisher für die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter sensibilisiert werden und selbst als Vorbilder handeln. Das wird Vertrauen schaffen und Mut machen, Angebote zu nutzen und Flexibilität auch einmal einzufordern. Unternehmen profitieren davon. Unsere Befragung zeigt: Zufriedene Eltern sind zufriedene Mitarbeiter. Das Bindungspotenzial für Unternehmen ist enorm.“
Dass das Thema Familienfreundlichkeit an den Unternehmensberatungen nicht spurlos vorbeigeht, zeigt auch die aktuelle Berichterstattung in den Medien. Ob BCG oder McKinsey, Beratungsfirmen fangen an, sich auf die neue Generation einzustellen und entwickeln neue flexiblere Rahmenbedingungen. Aktuell wirbt McKinsey z. B. mit dem Programm „Take Time“ für die Möglichkeit, zwei Monate aus dem Job auszusteigen, um sich anderen Dingen wie Familie, Reisen oder Hobbies zu widmen. Thomas Fritz von McKinsey sagt:
"Vor einigen Jahren wäre das Programm Take Time in unserer Unternehmenskultur so nicht denkbar gewesen.“1
Auch der Beitrag von Marcus K. Reif in dieser Ausgabe kommt zu vergleichbaren Ergebnissen. Insgesamt, so lässt sich konstatieren, wird das Thema Familienfreundlichkeit auch für Unternehmensberatungen immer wichtiger. Die Beratungsfirma, die schnell auf diesen Trend reagiert, wird über kurz oder lang einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Firmen haben.
