BCG-Studie: „Die halbierte Generation“
Was kommt nach der Babyboomer-Generation? Eine große Lücke auf dem Arbeitsmarkt, so die aktuelle Studie von BCG. Demnach drohe Deutschland ein Verlust der Wirtschaftsleistung in 2030 von bis zu 550 Milliarden Euro.
Langsam – so scheint es – wächst das Problembewusstsein in Sachen Demografie. Der Grund: Die Folgen des Geburtenrückgangs schlagen immer deutlicher auf den Arbeitsmarkt durch. Verstärkt wird der Trend zusätzlich durch die Rente mit 63, die – wie befürchtet – vor allem von gut ausgebildeten Fachkräften gerne in Anspruch genommen wird.
Der gern zitierte Spruch „Cross that bridge when we get there!“ trifft in diesem Fall nicht zu. Das Kind, um einen anderes Zitat zu bemühen, ist „längst in den Brunnen gefallen“.
Auf die geburtenstarken Jahrgänge in den 1960er Jahren – die sogenannte Babyboomer-Generation – folgt eine Generation, die nur noch halb so groß ist, so die Autoren der Studie: Zwischen 2002 und 2013 wurden in Deutschland nur rund halb so viele Kinder geboren wie im Jahr 1964. Diese Lücke, egal welche Maßnahmen jetzt in Angriff genommen werden, ist nicht mehr zu schließen!
Die Frage – die sich nun stellt – ist, wie mit den Folgen des bevorstehenden Fachkräftemangels umzugehen ist. Die Herausforderung: Laut der aktuellen BCG-Studie „Die halbierte Generation“ könnten in den kommenden 15 Jahren 5,8 bis 7,7 Millionen Arbeitskräfte fehlen, mit der Folge, dass Deutschland im Jahr 2030 aufgrund der prognostizierten Lücke rund 410 bis 550 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verliert.
Vier mögliche Szenarien
Die BCG-Berater haben auf Basis der im April 2015 veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes zur Bevölkerung vier verschiedene Szenarien zum Bedarf des Fachkräfteangebotes berechnet.
Die ersten beiden Szenarien simulieren die Bandbreite möglicher Entwicklungen hinsichtlich der Erwerbsquote. Beide Modelle prognostizieren, dass die Zahl der Arbeitskräfte sinken wird:
- Modell „Konstante Erwerbsquote“: Dieses Modell geht von gleichbleibenden Erwerbsquoten auf Basis des Jahres 2013 aus, allerdings – bedingt durch die Rente mit 63 – mit einem noch stärker abflachenden Verlauf.
- Modell „Steigende Erwerbsquote“: Dieses Modell geht von einer steigenden Erwerbsquote bei Älteren und Frauen aus.
Neben dem Arbeitskräfteangebot muss allerdings auch die Frage nach dem Arbeitskräftebedarf berücksichtigt werden.
- Modell „BIP-Modell“: Basierend auf dem historischen Wachstum des Bruttoinlandsprodukt (BIP) sowie die Steigerung der Arbeitsproduktivität in Deutschland in den vergangenen 10 Jahren ergibt sich ein Arbeitskräftebedarf von 47,4 Millionen im Jahr 2030.
- Modell „BIP-pro-Kopf-Modell“: Dieses Szenario basiert auf dem BIP pro Kopf, also dem entscheidenden Indikator für Wohlstand. Basierend auf diesem Modell ergibt sich ein Arbeitskräftebedarf von 47,7 Millionen Euro. Aus der Differenz zum prognostizierten Arbeitskräfteangebot ergibt sich eine Arbeitskräftelücke von 5,8 bis 7,7 Millionen Arbeitskräften.
Um weitere Aussagen zu treffen, haben die Autoren ein Basisszenario errechnet. Unter der Annahme einer steigenden Erwerbsquote sowie nach dem BIP-pro-Kopf errechneten Arbeitskräftebedarfs ergibt sich eine Arbeitskräftelücke von 6,1 Millionen im Jahr 2030.
Allerdings, so die Ergebnisse der Studie weiter, werden die deutschen Bundesländer unterschiedlich betroffen sein, wie der Vergleich zwischen Bayern und Thüringen exemplarisch zeigt. Während Bayern im Jahr 2030 nach absoluten Zahlen das höchste Arbeitskräftedefizit verzeichnen könnte, sieht sich Thüringen mit der größten relativen Lücke konfrontiert. Nach Meinung von Rainer Strack, BCG-Senior-Partner und Autor der Studie werden demnach vor allem die neuen Bundesländer unter dem Mangel leiden. „Den Verlust von bis zu einem Fünftel der Arbeitskräfte werden diese Regionen kaum verkraften, ohne in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erheblichen Schaden zu nehmen“, so Strack weiter. „Bleiben Gegenmaßnahmen aus, sind eine weitere Verödung ländlicher Gebiete, die Abwanderung von Betrieben und das Schrumpfen lokaler Märkte absehbar.“
Vier Hebel, um die Lücke zu schließen
Der Druck auf die politisch handelnden Akteure steigt demnach von Tag zu Tag. Nach Ansicht der BCG-Berater stehen den Akteuren vier Hebel zur Verfügung, die Lücke zwischen Arbeitskräfteangebot und -bedarf zu verringern:
- 1.Steigerung der Arbeitsproduktivität durch höhere Investitionen und Technisierung
- 2.Erhöhung der Erwerbsquoten von Älteren (z. B. durch eine Heraufsetzung des Rentenalters)
- 3.Verbesserung der Bedingungen für eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen
- 4.Förderung von Migration und Integration
Doch selbst eine optimistische Entwicklung der Migration sowie eine Steigerung der Erwerbsquote – wie im Basisszenario zu Grunde gelegt – reiche nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Die Forderung der Studienautoren lautet daher, dass die Politik entlang der vier beschriebenen Hebel ihre Anstrengungen intensivieren muss.
„Wir brauchen eine langfristige Personalplanung – das gilt für Unternehmen wie auch für Deutschland. Im Vergleich zur Kapitalseite, bei der kontinuierlich gemessen wird, wie produktiv Eigen- und Fremdkapital eingesetzt werden, sind viele Unternehmen und eben auch die deutsche Politik von einer vergleichbar intensiven Betrachtung des Vermögenswertes ‚Mitarbeiter‘ noch weit entfernt“, resümiert Strack. „Wir müssen uns viel stärker damit auseinandersetzen, welche Mitarbeiter wir jetzt und in Zukunft brauchen, woher sie kommen und wie wir sie bestmöglich ausbilden können.“
Sind Roboter die Lösung?
Wie sicher das Eintreten der Prognose ist, kann nicht mit Gewissheit vorhergesagt werden. Zu viele Faktoren spielen hier mit rein. Eine wesentliche Unbekannte ist der technologische Fortschritt und damit einhergehend die Produktivitätssteigerungen – Stichwort Roboter, Automatisierung und künstliche Intelligenz. Erst im April diesen Jahres hat – exemplarisch – die ING DiBa-Bank in der Studie „Die Roboter kommen – Folgen der Automatisierung für den deutschen Arbeitsmarkt“1 davor gewarnt, dass durch den Einsatz von Robotern und anderen Technologien in den kommenden Jahren Millionen von Arbeitskräften überflüssig werden. Von den derzeit 30,9 Millionen sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten würden, so die Volkswirte der Bank, demzufolge 18 Millionen in den kommenden Jahren durch Maschinen und Software ausgetauscht. Betroffen wären demnach 59 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland.
Die Autoren der BCG-Studie stehen diesen skeptischen Prognosen kritisch gegenüber:
- In den vergangenen Jahren haben Automatisierung und Digitalisierung das Produktivitätswachstum beeinflusst.
- Die technologische Entwicklung hat in der Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt dazu geführt, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften flächendeckend und langfristig zurück gegangen ist
- Selbst absehbare technologische Entwicklungen rund um das Thema Industrie 4.0 können in anderen Branchen oder auch in der jeweiligen Industrie selbst zu einem erhöhten Arbeitskräftebedarf führen. Die Autoren der BCG-Studie „Industry 4.0: The Future of Productivity and Growth in Manufacturing Industries“ kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Mitarbeiter in den betrachteten Industrien sogar wird.
Langfristig kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass die Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz Auswirkungen auf dem Arbeitskräftebedarf haben werden. Allerdings – so die Autoren – zeichnet sich dieser Effekt bis zum Jahr 2030 nicht ab.
Über die Studie
Die Studie „Die halbierte Generation“ von den Autoren Rainer Strack, Jens Baier, Dominik Keupp, Andreas Renz und Carl Rietschel ist eine Vertiefung und Weiterentwicklung der BCG-Studie „The Global Workforce Crisis. $10 Trillion at Risk“2 aus dem Jahr 2014 über demografische Entwicklungen und ihre Folgen auf weltweiter Ebene.
Die Studie können Sie auf den Seiten von BCG herunterladen.
