Rezensiert von: ZUb-Redaktion

Lean Management – ein alter Hut? Keineswegs!
Zwar konstatieren die Autoren, dass das Thema Lean „wissenschaftlich aufgebraucht“ sei. Zugleich konstatieren sie, dass die Nachfrage in der Praxis nach dem Lean-Thema „größer und wirksamer zu sein scheint als je zuvor“ (S. IX). Aus diesem Grund ist es konsequent, eine Neuauflage – auch nach über 20 Jahren – vorzustellen.
Die Literaturproduktion zu diesem Thema ist immens, auch mit der Folge, dass das Thema Lean immer mehr verwischt. Auch wird „lean“ immer noch mit der japanischen Automobilindustrie – und da vor allem mit der Firma Toyota in Verbindung gebracht. Dabei hat sich Lean Management in den letzten Jahren gelöst von der asiatisch-mystischen Verklärung, die das Thema noch vor zwanzig Jahren bestimmt hat
Das neue Autorenteam Enno Weiß, Christoph Strubl und Wilhelm Goschy (Prof. Pfeiffer ist in der Zwischenzeit emeritiert) sieht im Lean Management einen „wirklichen Nachfolgekandidaten für die ‚Wissenschaftliche Betriebsführung‘ und den ‚Fordismus‘ als Management-Paradigma“ (S. X). Unter dem Lean-Paradigma fügen sich – so die Autoren – die vielen Erkenntnisse der Teildisziplinen aus Ingenieurswissenschaft, Betriebswirtschaft, Soziologie und Psychologie zu einem kohärenten und stimmigen Gesamtbild.
Im Mittelpunkt der dritten Auflage steht neben der rationalen Gestaltung von Wertschöpfungsnetzwerken und dem Thema der lernenden Organisation vor allem die Frage, wie Vertrauen – im Luhmann‘schen Sinne – im organisatorischen Netzwerk hergestellt bzw. erreicht werden kann.
Gegenüber den ersten beiden Auflagen hat sich zudem der Tenor geändert. Waren die ersten beiden Auflagen noch informierend-beschreibend, folgt die dritte Auflage einem reflektierend-aufklärerischen Ansatz. Die Autoren wollen – so ihre Zielstellung – ein „Erklär“-Buch vorlegen, das nicht nur das reflektiert, was unter dem Schlagwort „lean“ passiert ist, sondern auch, warum es passiert ist. Zugleich erheben sie den Anspruch, die Anwendung in der Praxis sicherzustellen – allerdings fernab von „How to do“- oder „How we did“-Ratgebern.
Aufbau
Die völlig neu bearbeitete dritte Auflage wurde sowohl redaktionell als auch inhaltlich überarbeitet und – entsprechend der neuen Zielvorgabe – angepasst.
Kapitel 1 bis 3 wurden gegenüber der zweiten Auflage auf den aktuellsten Stand gebracht. Stand Kapitel 1 in der zweiten Auflage noch unter der Überschrift „Erfolgsbilanz des Lean Managements“, steht das erste Kapitel in der hier vorliegenden Ausgabe allerdings unter der Überschrift „Lean Management als Herausforderung – immer noch“ – wodurch angezeigt wird, dass die letzten 20 Jahre Lean-Management-Forschung und -Anwendung zwar ihre Spuren hinterlassen haben, allerdings noch nicht soweit, als dass das Konzept sich vollständig durchgesetzt hat.
Das wird auch im Kapitel 4 deutlich. Dieses wurde ebenfalls komplett überarbeitet. Stand in der zweiten Auflage noch die Frage der Übertragbarkeit im Mittelpunkt (Konzeptionelle Voraussetzungen für die Umsetzung), fokussieren die Autoren hier nun auf die evolutionäre Einordnung des Konzeptes und beschreiben – fundiert durchaus programmatisch – Lean Management als ein neues Paradigma. Konkret beschreiben die Autoren, an welchen Unterscheidungen, Fragestellungen und Methoden der Paradigmen-Wechsel im Lean-Management festgemacht werden kann (S. 9).
Ebenso neu konzipiert wurde Kapitel 5. Endete die zweite Auflage bereits hier, erweitern die neuen Autoren hier den Fokus um neue Aspekte. Konkret beschäftigen sich die Autoren mit dem Thema Lean Philosophie und fragen, wie diese anhand der Lean-Prinzipien operationalisiert werden kann – in einem konkreten organisatorischen Kontext. Zurückgegriffen wird dabei auch das St. Gallener Konzept des integrierten Managements. Zugleich werden ausführlich neuere Erkenntnisse aus dem Themenbereich Führung und Unternehmenskultur unter dem Blickwinkel des Lean Managements systematisch dargestellt und die Frage beantwortet, welche Organisation, Führung und Kultur zum Lean-Paradigma „adäquat“ sein kann (S. 9).
Kapitel 6 lenkt abschließend den Blick auf die Frage, wie Organisationseinheiten in Unternehmen nach Lean-Gesichtspunkten gestaltet werden können. Hilfreich – und im Sinne der Anwendbarkeit – werden hier konkrete Fallbeispiele betrachtet. Beschrieben werden verschiedene Situationen in Unternehmen, wo Lean Management-Prinzipien und -Tools verwendet wurden – und mit welchem Erfolg.
Fazit
Der Reiz des Bandes liegt – zusammenfassend – in der Bandbreite, die hier präsentiert wird. Das betrifft sowohl die thematische als auch zeitliche Dimension. Durch den Rückblick auf über 20 Jahre Expertise im Lean-Management-Bereich – die erste Auflage erschien bereits 1992 und die zweite 1994 – können viele Entwicklungen auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt gebracht und entsprechend bewertet werden.
Hervorzuheben ist ebenfalls die Vielzahl von Abbildungen (insg. 120), was die Erschließung des Themas – sowohl für Lean-Management-Experten als auch Neulinge – in diesem Feld erleichtert. Ebenso die „grauen Informationskästen“, in denen wichtige theoretische Konzepte und Begriffe erläutert werden, helfen, sich schnell und zielgerichtet in die Materie einzuarbeiten. Zugleich dokumentiert sich hierin auch der Anspruch, ein fundiertes und zugleich praxistaugliches Werk vorzulegen.
Nicht nur die konkreten Fallbeispiele im Kapitel 6 – wo es also um die Umsetzung geht – machen den Band auch für Unternehmensberater interessant. Der Mehrwert des Bandes liegt eindeutig in der theoretischen und konsequenten Umsetzung des Themas Lean Management. Der Band ist daher auch weiterhin ein Standardwerk in Sachen Lean Management, genauso wie die vorherigen beiden Bände. Der Versuch, das Lean-Denken im Rahmen der Unternehmensführung im Sinne eines Managements-Paradigmas ganzheitlich zu behandeln, kann als geglückt bezeichnet werden.
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