ConsultingBay
 
Kolumne 1.2021  
21.01.2021

Deelmanns Denkanstoß: Marktkonzentration – ja oder nein?

Prof. Dr. Thomas Deelmann
Gibt Denkanstöße: Prof. Dr. Thomas Deelmann (Foto: privat und Coloures-Pic/stock.adobe.com)
Professor Thomas Deelmann berichtet in seiner Kolumne regelmäßig aus und über die Welt der Berater.
Liebe Leserinnen und Leser,

bei sehr vielen Diskussionen rund um den Beratungsmarkt und in fast allen Betrachtungen von Marktbeobachtern kommt die Sprache irgendwann auf die „Big Four“ und die MBBs. Es scheint dann oft so, als würde „Consulting“ nur aus diesen Anbietern bestehen. Stimmt diese Wahrnehmung oder trügt der Schein?

Big Four und MBB

Hinter dem Begriff „Big Four“ (die auch einmal die „Big Eight” waren und sich dann durch Zusammenschlüsse reduzierten) verbergen sich die großen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskonzerne Deloitte, EY, KMPG und PwC. Vor einigen Jahren waren sie bereits neben dem Prüfungs- auch im Beratungsgeschäft aktiv, haben sich dann aber fast alle rund um die Jahrtausendwende von ihren Consulting-Aktivitäten getrennt. Noch 2011 wurden sie kaum als Wettbewerber im Beratungsmarkt wahrgenommen – haben seither aber massiv aufgerüstet und aufgeholt. Für 2020 stellt das Marktforschungsunternehmen Lünendonk sogar fest, dass der Beratungsanteil mehr als die Hälfte des Umsatzes der Big Four ausmacht. Mit dem Kürzel „MBB“ werden die drei großen Strategieberatungshäuser McKinsey, Boston Consulting Group und Bain bezeichnet. Sie gelten seit einiger Zeit als die internationale Crème de la Crème des Consultings.

Umsätze der größten Anbieter

Den Beratungsaktivitäten dieser sieben Unternehmen kann also ein hoher „gefühlter“ Marktanteil zugeschrieben werden. Offen ist jedoch zunächst, wie hoch ihr tatsächlicher Marktanteil ist. Für die Big Four hat das Finance Magazin den Beratungsumsatz in Deutschland ermittelt und kommt auf rund 1 Mrd. Euro bei Deloitte, 900 Mio. Euro bei PwC, 800 Mio. Euro bei EY und 700 Mio. Euro bei KPMG. Die Mitglieder der MBB-Gruppe sind – wie viele Beratungshäuser – recht zurückhaltend in ihrer Informationspolitik, so dass die Umsätze nur geschätzt werden können. Lünendonk beispielsweise geht von weltweiten Umsätzen in Höhe von 9,4 Mrd. Euro bei McKinsey, 7,6 Mrd. Euro bei BCG und 3,6 Mrd. Euro bei Bain aus. Bei vielen weltweit aktiven Professional-Services-Unternehmen stammen circa ein Drittel aller Umsätze aus (West-) Europa und wiederum ein Drittel hiervon aus Deutschland. Wendet man diese Kalkulation auf McKinsey an, dann wären dies 1 Mrd. Euro bei McKinsey, bei BCG 0,8 Mrd. Euro und bei Bain 0,4 Mrd. Euro. Die Werte können als Indikation herangezogen werden, für die weitere Betrachtung scheinen sie dann doch etwas wenig valide und werden zunächst beiseitegelassen. Schwer von außen zu bewerten sind auch die Consulting-Umsätze der großen IT-Services-Anbieter wie Accenture, T-Systems und IBM. Verfügbare Zahlen sind regelmäßig geschätzt und enthalten neben Beratungs- auch einen Systemintegrationsanteil.

Marktanteile

Das gesamte Beratungsmarktvolumen in Deutschland wird vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. auf 35,7 Mrd. Euro geschätzt. Kombiniert man die Umsatzwerte der Big Four und setzt sie ins Verhältnis zum Gesamtmarkt, dann lässt sich für sie ein gemeinsamer Marktanteil von 9,5 Prozent ermitteln.

Der BDU weist in seiner aktuellen Marktstudie (kostenpflichtig; frei verfügbar ist die Vorjahresversion) Umsatzvolumina von Beratungen in verschiedenen Umsatzgrößenklassen aus und splittet den Gesamtmarkt auf. Wenn die Umsätze der Big Four aus der Kategorie mit den größten Umsätzen (dies sind Unternehmen mit mehr als 50 Mio. Euro Jahresumsatz) abgezogen werden, dann verbleiben dort noch 11,6 Mrd. Euro Umsatz, die sich auf ungefähr 200 Unternehmen verteilen. Dies entspricht einem knappen Drittel des Gesamtmarktes, das wiederum von knapp einem Prozent aller Beratungsunternehmen erwirtschaftet wird.

Am anderen Ende der Umsatzklassen sind die Kleinst- und Einzelberater mit einem individuellen Umsatz von bis zu 0,5 Mio. Euro im Jahr. In dieser Gruppe sind 14.500 Unternehmen zusammengefasst, die in Summe 5,5 Mrd. Euro Umsatz generieren. Hierin enthalten ist die Gruppe der Einzelberater (mit einem Jahresumsatz kleiner 250.000 Euro). Diese 11.200 Anbieter stellen 55 Prozent aller Beratungen und erzielen einen konsolidierten Umsatz von 2,2 Mrd. Euro – dies sind gut 6 Prozent des Gesamtmarktes.

Marktkonzentration

Auf die größten Anbieter entfällt also ein überproportional großer Anteil des Gesamtumsatzes (für eine grafische Darstellung hier klicken), was nicht weiter überraschend ist, da sich in vielen Märkten ein solches Muster bildet. Die Marktkonzentration erscheint aber dennoch nicht besonders hoch oder besorgniserregend, da die Konzentrationsrate CR4 bei unter 10 Prozent liegt. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) lässt sich nicht ohne weiteres berechnen, da nicht alle Basisdaten bekannt sind. Bei einer Annäherung über die Umsatzgrößenklassen wird allerdings ein HHI von lediglich 1.590 erreicht (wobei der Wert 10.000 eine maximale Konzentration und 0 eine minimale Konzentration ausdrückt), der wiederum nahe an der Grenze von einem unkonzentrierten zu einem moderat konzentrierten Markt liegt.

Bitte denken Sie daher mit: Ist die Marktmacht der dominierenden Beratungshäuser nicht doch zu groß? Oder ist die Fokussierung auf Umsatzgrößen nicht zielführend? Was schlagen Sie vor, wie schätzen Sie die Situation ein?

Fragen, Anmerkungen und Anregungen sind gerne gesehen! Bitte schreiben Sie an Redaktion.Consultingbay@esvmedien.de oder auf Twitter: @Ueber_Beratung

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Autoren: Prof. Dr. Thomas Deelmann, Prof. Dr. Andreas Krämer

Von den einen geliebt, von anderen gemieden: Kaum ein Berufsfeld ist gleichzeitig so gefragt und so umstritten wie Consulting. Daher braucht es Sachlichkeit und Orientierung, um die Unternehmensberatung als Profession zu entdecken, besser zu verstehen und zu gestalten.

Die wichtigsten Entwicklungslinien, Qualifikationen, Karriereschritte und Managementaufgaben im Consulting von privaten und öffentlichen Organisationen zeichnen Thomas Deelmann und Andreas Krämer systematisch nach – mit aufschlussreichen Marktanalysen, neuester Forschung und prominenten Branchenstimmen.

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