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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Peter Witt  
29.10.2018

Witt: „In Unternehmen wird oft impulsiv und emotional entschieden”

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
Autor des Bandes „Besser entscheiden in unsicheren Zeiten”: Prof. Dr. Peter Witt (Foto: Peter Witt - Bergische Universität Wuppertal)
Prof. Dr. Peter Witt im Interview mit der ESV-Redaktion zu seinem Buch „Besser entscheiden in unsicheren Situationen”, das im Oktober 2018 im Erich Schmidt Verlag erscheint.
Den ersten Teil ldes Interviews können Sie hier auf ESV.info lesen.

Mittlerweile gibt es auch in der Ökonomie viele verhaltenswissenschaftliche Ansätze zur Erklärung von menschlichen Entscheidungen, die ja sehr oft nicht rational sind. Wie kommt es zu dieser Entwicklung und was bedeutet das für die unternehmerische Praxis?

Peter Witt: Das liegt einfach daran, dass es immer mehr empirische Studien gibt, die die These rationalen Verhaltens von Menschen klar widerlegen. Das gilt für Kauf- und Anlageentscheidungen von Privatpersonen genauso wie für die Entscheidungen von Top-Managern in Unternehmen. Hier würde auch in den Wirtschaftswissenschaften niemand mehr behaupten, dass sich alle Marktteilnehmer immer rational verhalten.

Es geht daher vor allem darum, die relevanten Entscheidungsfaktoren zu erklären. Wir müssen verstehen, wie sich Menschen unter welchen Umständen tatsächlich entscheiden. Welche Informationen nehmen sie auf? Wie verarbeiten sie diese Informationen? Wie lange suchen sie nach zusätzlichen Informationen, bevor sie eine Entscheidung treffen? Welche Rolle spielen Emotionen und Ängste? Warum werden viele an sich vernünftige Entscheidungen nicht umgesetzt?

Kann man hier einen Unterschied zwischen privaten und geschäftlichen Entscheidungen machen?

Peter Witt:  Tatsächlich gelten alle diese Fragen nicht nur für unser Privatleben. Sie gelten insbesondere auch für die unternehmerische Praxis. Hier wird zwar überall behauptet, es ginge nur um faktenbasierte Analyse und rationale Entscheidungen, aber jeder, der auch nur einige Zeit in einem Unternehmen gearbeitet hat, weiß, dass das Unsinn ist. In Unternehmen wird genauso oft impulsiv und emotional entschieden wie im Privatleben.

„In Unternehmen werden quasi-rationale Erklärungen nachgeliefert”

Der einzige Unterschied besteht meiner Erfahrung nach darin, dass im Unternehmen immer quasi-rationale Erklärungen nachgeliefert werden. Kein Manager würde öffentlich zugeben, dass er oder sie aus dem Bauch heraus entschieden hat. Da wird immer ein Business Case präsentiert, auch wenn die Zahlen in diesem Business Case an den Haaren herbei gezogen wurden und keiner kritischen Prüfung standhalten.

Was unterscheidet Ihr Buch von der Vielzahl der Literatur, die es zu diesem Thema auf dem Markt gibt, was ist neu, einzigartig, anders an Ihrer Herangehensweise?

Peter Witt: Das zentrale Merkmal des Buches ist die Gesamtsicht auf alle Phasen des Entscheidungsprozesses. Es will den Leserinnen und Lesern helfen, bessere Entscheidungen in allen Lebensbereichen zu treffen. Es geht nicht nur um Kauf- und Investitionsentscheidungen, sondern auch um das Finden des richtigen Ehepartners, um Jobwechsel, um den Entschluss, Kinder zu bekommen, um Wohnortentscheidungen und vieles mehr.

Über den Autor

Peter Witt studierte VWL an der Universität Bonn und promovierte 1996 mit einer Arbeit zur „Planung betrieblicher Transformationsprozesse”. Nach der Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin im Juli 2002 zum Thema „Corporate Governance-Systeme im Wettbewerb” übernahm er im August 2002 den Lehrstuhl für Unternehmertum und Existenzgründung an der WHU Vallendar. Zum 01. Oktober 2006 wechselte Witt an die Technische Universität Dortmund auf den Lehrstuhl für Innovations- und Gründungsmanagement. Seit November 2010 ist er an der Bergischen Universität Wuppertal Inhaber des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement.

Welcher wissenschaftliche Erkenntnisgewinn führt hier zu anderen Entscheidungen als etwa vor einer Generation?

Peter Witt: Die gute Nachricht ist, dass die Wissenschaft in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat, wenn es um die Erklärung von einzelnen Aspekten menschlicher Entscheidungen geht. Dank der neueren Erkenntnisse aus vielen Disziplinen wissen wir heute deutlich besser Bescheid, wie wir Menschen denken und handeln. Was es aber bisher noch nicht gibt, ist eine konsequente Anwendung aller dieser Einzelerkenntnisse auf den gesamten Entscheidungsprozess, von Anfang bis Ende, also von der Entscheidungsvorbereitung bis hin zur Umsetzung. Und diese Gesamtsicht ist entscheidend. Die Leserinnen und Leser können in diesem Buch sehen, welche wichtige Rolle die Intuition spielt, wie man sich am besten vom Ballast unwichtiger Entscheidungen löst und wie man sinnvoll mit Unsicherheit umgehen kann.

„Vollkommene Rationalität ist eine akademische Fiktion”

Dieses Fachbuch kann und darf ja durchaus auch als Ratgeber oder Mutmacher gelesen werden. Sie setzen es auch in der Lehre ein, was für diesen Themenbereich in den Wirtschaftswissenschaften eher ungewöhnlich ist. Wie reagieren Ihre Studenten auf das Thema?

Peter Witt: Für die Studierenden ist das ein wichtiges und beliebtes Thema. Die wissen ja intuitiv auch, dass die Annahme eines rationalen Homo Oeconomicus unhaltbar ist. Diese Annahme begegnet ihnen im wirtschaftswissenschaftlichen Studium allerdings immer wieder. Deshalb stellen wir in unserer Vorlesung gleich im ersten Semester klar, dass vollkommene Rationalität eine akademische Fiktion ist. Zudem stellen wir klar, dass intuitive Entscheidungen nicht immer irrational und damit schlecht sind. Insofern haben Sie Recht: Diese Erkenntnis soll Mut machen, sich den wichtigen Entscheidungen des Lebens zu stellen, auch wenn wir keine vollständigen Informationen haben und kein Optimierungsmodell berechnen können.

Die Studierenden in meinen Vorlesungen sollen vor allem lernen, mit Unsicherheit richtig umzugehen. Denn die prägen ja alle wichtigen Entscheidungen. Und die Unsicherheit geht auch nicht weg, indem man ein ökonomisches Entscheidungsmodell anwendet oder erstmal abwartet. Mein Buch sehe ich tatsächlich als einen Ratgeber für eine Vielzahl von menschlichen Entscheidungssituationen an. Das geht über die klassischen Themen der Wirtschaftswissenschaften weit hinaus. Da geht es auch um so wichtige Entscheidungen wie Berufswahl, Heirat und Kinder bekommen. Die stehen jungen Studierenden ja alle noch bevor, insofern ist natürlich auch das Interesse sehr groß.

„Jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung”

Was war Ihre allerwichtigste Erkenntnis bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema? Welche Ihrer Entscheidungen bereuen Sie, und welche war goldrichtig?

Peter Witt: Meine wichtigste Erkenntnis war, dass schnelle Bauchentscheidungen durchaus gut sein können. In ihnen spiegeln sich unsere eigene gesamte Lebenserfahrung und die unserer Vorfahren. Bauchentscheidungen sind vor allem dann erforderlich, wenn wir sowieso nicht genug Informationen für eine rationale und sorgfältig durchdachte Entscheidung haben. Wenn wir in solchen Situationen der Unsicherheit lange nach Informationen suchen und ein rationales Kalkül anwenden, verlieren wir nur kostbare Zeit. Oft ist es wichtiger, überhaupt zu entscheiden, als die Dinge lange vor sich her zu schieben, weil man nach einer optimalen Lösung sucht.

Insofern habe ich für mich selber gelernt, immer auch auf meine Intuition und mein Bauchgefühl zu hören, wenn ich etwas Wichtiges entscheiden muss. Und deshalb bereue ich auch nachträglich keine Entscheidungen. Nachher ist man immer klüger. Aber wir müssen ja im Hier und Jetzt entscheiden. Aus meiner Sicht gibt es deshalb gar keine richtigen oder falschen Entscheidungen, es gibt immer nur Entscheidungen. Und jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung. Insofern bin ich zum Beispiel froh, dass ich mich entschieden habe, dieses Buch zu schreiben. Und ich bin froh, dass es jetzt beim Erich Schmidt Verlag erscheint. Ich hoffe, dass das Buch ein Erfolg wird, aber das weiß ich natürlich jetzt noch nicht. Trotzdem wird die Entscheidung, Zeit in das Schreiben eines Buches zu meinem Lieblingsthema zu investieren, auch im Nachhinein immer richtig gewesen sein.

Herr Professor Witt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Den ersten Teil des Interviews lesen Sie hier auf ESV.info.

Besser entscheiden in unsicheren Situationen

Autor: Prof. Dr. Peter Witt

Dieses Buch will Ihnen helfen, bessere Entscheidungen in allen Lebensbereichen zu treffen. Ob Kauf- und Investitionsentscheidungen, Partnerwahl oder Familienplanung, Berufsleben oder Wohnortwechsel: In fast allen Entscheidungssituationen gilt es, genaue Zielvorstellungen zu entwickeln, sich vom Ballast unwichtiger Nebenschauplätze zu befreien und sinnvoll mit fehlenden Informationen umzugehen.

Von der Vorbereitung bis zur Durchsetzung: Peter Witt beschreibt sehr anschaulich die wichtigsten Phasen eines Entscheidungsprozesses auf Basis neuester psychologischer und entscheidungstheoretischer Forschung. Erfahren Sie, wie Sie

  • Entscheidungsprobleme richtig verstehen – welche Rolle Verstand und Intuition für die Zielbestimmung spielen,
  • Entscheidungen zielorientiert treffen und den Faktor Unsicherheit geeignet einbeziehen,
  • Entscheidungen konsequent durchsetzen, ob in Verhandlungen oder gegenüber sich selbst.

Auch mit den besten Methoden und Empfehlungen werden Sie zwar nicht immer das Richtige tun können. Aber das Buch will Ihnen Mut machen, sich Entscheidungen erfolgreich zu stellen und persönliche, berufliche und unternehmerische Ziele bewusster und entschlossener zu verfolgen.


(ESV/uw, mp)